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“Wir sehen mit großer Sorge, dass derzeit mit Schlagworten wie „Remigration“ und „Massenabschiebungen“ unsere ausländischen Kolleginnen und Kollegen zutiefst verunsichert werden und nicht wenige von ihnen bereits darüber nachdenken, in einem anderen Land in Europa zu heilen, zu helfen und zu pflegen”, schreiben Bundesärztekammer, Bundespsychotherapeutenkammer, Deutscher Hebammenverband, Deutsche Krankenhausgesellschaft, Deutscher Pflegerat, Marburger Bund und ver.di in einem gemeinsamen Aufruf, “Für die gesundheitliche Versorgung der Menschen in Deutschland würde das zu unverantwortbaren Verwerfungen in der Behandlung und Betreuung der Menschen führen.”

In dem Aufruf sprechen die Verbände sich für ein weltoffenes und tolerantes Deutschland aus. Das deutsche Gesundheitssystem kann nicht auf Fachkräfte aus dem Ausland verzichten, so die Verbände: Rund 15 Prozent aller Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachpersonen haben eine ausländische Staatsbürgerschaft. Wie wichtig diese Personen für die deutsche Gesundheitsversorgung sind, zeige auch eine aktuelle Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI).

Studie: Wie können Krankenhäuser Fachkräfte langfristig binden?

Die Studie “Internationale Talente - Mehr Fachkräfte durch Diversität im Krankenhaus” des DKI fokussiert sich auf die Integration internationaler Fachkräfte in das Krankenhaus und darüber hinaus. Die Forschenden interessierte dabei, was für Beschäftigte wichtig ist, um beruflich und privat in Deutschland dauerhaft Fuß zu fassen und welche Maßnahmen Krankenhäuser ergreifen bzw. ergreifen sollten, um Personal dauerhaft an sich zu binden.

Das untersuchten die Studienautorinnen und –autoren mithilfe einer standardisierten Befragung von Allgemeinkrankenhäusern ab 100 Betten, qualitativen Experteninterviews mit Integrations-/Migrationsbeauftragten von Krankenhäusern und einem Literaturreview zu der Thematik.

Gesundheitswesen braucht Fachkräfte aus dem Ausland

Fast alle Krankenhäuser in der Stichprobe (96 Prozent) gaben an, dass sie aktuell oder in den letzten fünf Jahren Fachkräfte aus dem Ausland beschäftigen oder beschäftigt haben, die zum Zweck der Arbeit nach Deutschland immigriert sind oder regelmäßig über die Grenze pendeln.

In den letzten fünf Jahren habe die Bedeutung von Fachkräften aus dem Ausland deutlich zugenommen, so die Forschenden. Auch die Interviewten betonten, dass Kliniken in Zukunft nicht darauf verzichten würden, internationale Fachkräfte zu rekrutieren. Eine interviewte Person sagte: “Wir brauchen die [internationalen Fachkräfte] ganz, ganz dringend, so wie viele andere Kliniken auch, weil uns einfach der Nachwuchs fehlt an deutschen Fachkräften.” 86 Prozent der befragten Kliniken gingen laut der Studie außerdem davon aus, dass die Anzahl an internationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den nächsten fünf Jahren steigen oder deutlich steigen wird.

Sprachkenntnisse und gelungene Integration als Erfolgsfaktoren

Besonders wichtig für eine gelungene Integration der Fachkräfte seien ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache bzw. der Fachsprache im Krankenhaus, fachliche Einarbeitung und Maßnahmen zur sozialen Integration in Krankenhaus und neue Heimat. Außerdem seien Mentoring- oder Patenprogramme wichtig, so die Autorinnen und Autoren der Studie.

“Die Studie des DKI zeigt auch, dass eine offene Kultur, in der sich ausländische Mitarbeitende wertgeschätzt und willkommen fühlen, Grundvoraussetzung für gelungene Integration ist”, schreiben die Verbände in dem aktuellen Aufruf.

Ländliche Regionen: Fachkräfte aus dem Ausland notwendig

Die Verbände betonen in ihrem Aufruf auch die Relevanz zugewanderter Ärztinnen, Ärzte, Pflegefachpersonen, Psychotherapeutinnen und -therapeuten, Hebammen und weiterer Gesundheitsfachkräfte für ländliche Regionen Deutschlands: “In vielen Teilen Deutschlands wäre die Versorgung ohne diese Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland akut gefährdet. Stationen in Kliniken müssten geschlossen und lange Wartelisten geführt werden. Pflegebedürftige könnten nicht mehr versorgt und zahlreiche Arztpraxen müssten geschlossen werden.”

Auswirkungen des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen auf andere Branchen

Bereits jetzt gibt es im Gesundheitswesen die größte absolute Fachkräftelücke. Das schreibt das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA), ein Projekt im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) in einer Studie vom Oktober 2024. Die Fachkräftelücke definieren die Autoren der Studie dabei als “die Zahl der offenen Stellen, für die es in der jeweiligen Region – hier bundesweit – rechnerisch keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt”. Zuletzt konnten 47.000 offene Stellen im Gesundheitswesen nicht mit passend qualifizierten Arbeitslosen besetzt werden, so die Autoren der Studie.

Nicht nur das: Fehlen Fachkräfte im Sozial- und Gesundheitswesen, kann das auch indirekte Auswirkungen auf den Fachkräftemangel in anderen Branchen haben, so das KOFA: “Ein knappes Angebot an Dienstleistungen der Daseinsfürsorge muss oft privat aufgefangen werden und zwingt beispielsweise Eltern und Pflegende, ihre Wochenarbeitszeiten zu reduzieren.”

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