Umfrage: 4 von 10 Klinik-Ärzten erleben mehr Gewalt im Job
Wiebke PfohlMB-Monitor 2024: Vier von zehn angestellten Ärztinnen und Ärzten berichten in einer Umfrage des Marburger Bundes über eine Zunahme von Gewalt in den vergangenen fünf Jahren. Von wem die Gewalt ausgeht und wie Ärztinnen und Ärzte geschützt werden, lesen Sie hier.
Erleben angestellte Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern mehr Gewalt? In einer Mitgliederbefragung des Marburger Bundes gaben 41 Prozent der Befragten an, dass Ihre Gewalterfahrung im beruflichen Kontext in den vergangenen fünf Jahren zugenommen hat. 39 Prozent dagegen verneinten dies. 20 Prozent gaben an, keine Gewalt erlebt zu haben. An der Online-Befragung, dem MB-Monitor 2024, nahmen 9649 angestellte Ärztinnen und Ärzte haben vom 27. September bis zum 27. Oktober 2024 teil. Etwa 90 Prozent der Teilnehmenden arbeiten in Akutkrankenhäusern und Reha-Kliniken, acht Prozent in ambulanten Einrichtungen.
Wie oft erleben angestellte Ärztinnen und Ärzte Gewalt im beruflichen Kontext?
Verbale Gewalt, etwa Drohungen oder Beleidigungen, gegen sich oder andere Mitarbeitende erlebten zwölf Prozent der Befragten häufig, 33 Prozent der Befragten manchmal, 44 Prozent der Befragten selten und elf Prozent der Befragten nie. Das geht aus der Gesamtauswertung des MB-Monitors 2024 hervor. Auch dazu, wie oft sie körperliche Gewalt erleben, wurden die Teilnehmenden befragt: Zwei Prozent der angestellten Ärztinnen und Ärzte gaben an, häufig körperliche Gewalt gegen sich oder andere Mitarbeitende zu erleben, zehn Prozent gaben “manchmal” an, 42 Prozent “selten” und 46 Prozent “nie”.
Von wem geht die Gewalt gegen angestellte Ärztinnen und Ärzte aus?
Auf die Frage, von wem die Gewalt ausging, gaben die Befragten als Verursacher der Gewalt folgende Personengruppen an (bei der Frage erlaubte der Fragebogen Mehrfachantworten):
Patientinnen und Patienten (75 Prozent)
Angehörige oder Bekannte von Patientinnen und Patienten (52 Prozent)
Mitarbeitende (14 Prozent)
Sonstige (3 Prozent)
„Die Umfrage-Ergebnisse zu den Gewalterfahrungen von Ärztinnen und Ärzten sind ein Alarmsignal. Ärzte stehen ohnehin täglich unter enormem Druck. Lange Arbeitszeiten, hohe Verantwortung und der ständige Kontakt mit schwerkranken Patienten führen immanent zu einer relevanten psychischen und physischen Belastung.”, sagt Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes, in einer aktuellen Pressemitteilung des Marburger Bundes: “Uns ist klar, dass bei manchen Patienten Aggressionen Teil des medizinischen Problems sind. Diese Fälle sind aber deutlich zu unterscheiden von einer Vielzahl von inakzeptablen Anfeindungen und Übergriffen, beispielsweise durch Angehörige. Diese zunehmende Aggression verschärft die ohnehin belastenden Arbeitsbedingungen und trägt zur Frustration und Erschöpfung im ärztlichen Beruf bei. Schutzmaßnahmen und ein gesellschaftliches Umdenken sind dringend erforderlich. Es kann doch nicht sein, dass diejenigen, die anderen helfen, bei ihrer Arbeit traumatisiert werden.”
Wie werden angestellte Ärztinnen und Ärzte vor Gewalt geschützt?
41 Prozent der Befragten gaben an, dass es an ihrer Einrichtung Schutzmaßnahmen vor Gewalt am Arbeitsplatz gibt. Ebenso viele gaben an, dass solche Maßnahmen nicht existieren. 18 Prozent gaben “weiß nicht” an. Auf die Frage hin, ob Beschäftigte, die Opfer von Gewalt geworden sind, durch geschultes Personal unterstützt oder betreut wurden, gaben nur 17 Prozent “ja” an, 35 Prozent “nein” und 48 Prozent wussten es nicht.
Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts zu Gewalt in Kliniken
Interessante Aspekte zeigt auch noch eine kurze Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) zum Thema Gewalt gegen Krankenhausmitarbeitendevom 2024 auf. Daran nahmen 250 Allgemeinkrankenhäuser ab 100 Betten teil. Hier wurden nicht einzelne Personen befragt, sondern die Krankenhäuser selbst angefragt. Bei ihrer Befragung geht das DKI von einer großen Dunkelziffer aus. Denn von den befragten Krankenhäusern erfassen nur 28 Prozent standardmäßig verbale Übergriffe und nur 69 Prozent körperliche Übergriffe an Mitarbeitenden, so das DKI in der Auswertung der Umfrage.
Auch hier wurden die teilnehmenden Krankenhäuser gefragt, wie sich die Anzahl an körperlichen und verbalen Übergriffen von Patienten, Angehörigen, Begleitern oder Besuchern in den vergangenen fünf Jahren entwickelt habe. Die Mehrheit der Krankenhäuser gab an, dass die Anzahl der Übergriffe gegenüber ihren Beschäftigten entweder deutlich (20 Prozent) oder mäßig (53 Prozent) gestiegen ist. 23 Prozent gaben an, dass die Anzahl der Übergriffe weitgehend gleichgeblieben ist.
In 80 Prozent der Krankenhäuser sei dabei vorwiegend der Pflegedienst von körperlicher und verbaler Gewalt betroffen. Nur ein Prozent der Kliniken gaben an, dass überwiegend der Ärztliche Dienst betroffen ist. Bei 19 Prozent der Kliniken seien beide Personalgruppen gleichermaßen betroffen.
Warum kommt es zu Gewalt gegen Mitarbeitende in Krankenhäusern?
Als erkennbare Hauptursachen für die Gewalt nannten die Krankenhäuser in der Umfrage folgende Aspekte (weitere Aspekte sind in der Auswertung der Umfrage einsehbar):
Zustand des Patienten, z.B. Schmerzen, Alkohol (77 Prozent)
Allgemeiner Respektverlust gegenüber Krankenhauspersonal (73 Prozent)
Spezielles Patientengut, z.B. Schizophrenie, Demenz (69 Prozent)
(Zu) lange Wartezeiten (40 Prozent)
Durchsetzen der Stationsordnung durch Personal, z. B. Wunschverweigerung, geschlossene Tür; oder Patienten wurde etwas verwehrt (36 Prozent)
Maßnahmen gegen Gewalt: Was sagen die Kliniken?
Die Krankenhäuser wurden auch gefragt, welche Maßnahmen es in ihrer Einrichtung zur Prävention von und zum Umgang mit Übergriffen gegenüber den Mitarbeitenden gibt. 65 Krankenhäuser gaben an, dass es Deeskalationstrainings für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders betroffener Stationen gibt. Außerdem gebe es bei 64 Prozent der Kliniken bauliche und technische Maßnahmen gegen Übergriffe, also etwa Zutrittskontrollen und Videoüberwachung. 60 Prozent der befragten Krankenhäuser gaben außerdem an, dass es klinikinterne Handlungsempfehlungen bzw. Leitlinien für den Umgang mit aggressiven Patientinnen und Patienten gibt.
Für Mitarbeitende, die Opfer von Gewalt geworden sind, gebe es in 58 Prozent der Kliniken psychologische Unterstützung zur Bewältigung des Übergriffes und in 50 Prozent der Kliniken Nachsorge- und Hilfsangebote.
Dr. Susanne Johna fordert in der aktuellen Pressemitteilung des Marburger Bundes: “Wir brauchen mehr Aufklärung durch breit angelegte Kampagnen, ausreichend Personal in der direkten Patientenversorgung und adäquate Schutzmaßnahmen für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte und das Pflegepersonal. Das ist nicht nur eine Aufgabe der Krankenhäuser – hier ist auch die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen der Versorgung besser zu gestalten."